Ich bin nicht kaltblütig, eiskalt oder irre: Ich bin Autistin.

Ich habe lange überlegt, ob auch ich mich hier zu der Medienberichterstattung der letzten Tage über den Amoklauf, insbesondere in Zusammenhang mit Autismus öffentlich auseinandersetzen soll oder ob es mir persönlich ausreicht mit anderen Betroffenen zu schreiben..
Der Amoklauf in den USA durch Adam Lanza hat mich sehr erschreckt. Nicht nur, dass 27 Menschen starben, nein es waren auch noch kleine unschuldige, vor allem aber wehrlose kleine Kinder. Ich frage mich einmal mehr was in einem solchen Menschen vorgehen mag, wie niedrig seine Hemmschwelle sein muss, um eine so kaltblütige schreckliche Tat begehen zu können. Was mag er erlebt haben, dass ihn so handeln lies?
Plötzlich wurde ich auf einen Artikel des Spiegel Online mit dem Titel „Asperger-Syndrom: Blind für die Emotionen anderer“ hingewiesen, indem ich ganz besonders über folgenden Wortlaut stolperte:

„Auf der quälenden Suche nach Antworten erhält man einzelne Puzzleteilchen, die sich nur langsam zu einem Bild von Adam Lanza zusammenfügen – dieses Bild bleibt bislang aber unscharf. Eines dieser Puzzleteile ist das über den psychischen Zustand des Täters. Dabei fällt immer wieder ein medizinischer Begriff: Asperger-Syndrom […]“

und einige Abschnitte später:

„Sollte Adam Lanza tatsächlich an einer Form von Autismus gelitten haben, ist das noch lange keine Erklärung für seine grausamen Taten. Gleichwohl gab es bereits Amokläufer, bei denen auch Asberger-Autismus diagnostiziert worden war. Frederik B., der Vierfachmörder von Eislingen, leidet laut psychiatrischem Gutachten an einer schizoiden Persönlichkeitsstörung und hat Asperger-Syndrom. Der vierfache Frauenmörder und Serienvergewaltiger Heinrich Pommerenke, der bis zu seinem Tod 2008 als einer der schlimmsten Verbrecher der Republik galt, war einem Psychiater zufolge Asperger-Autist. Ein Arzt diagnostizierte auch beim rassistischen Heckenschützen von Malmö das Asperger-Syndrom.[…]“

Ein heftiger Schlag ins Gesicht. Ich saß zunächst da und ordnete meine Gedanken. Dann las ich den Artikel erneut. Meine Sprachlosigkeit wandelte sich in Wut und das Gefühl Stellung beziehen, mich verteidigen zu müssen. Ich las den Artikel erneut. Der Artikel ist schlecht. Nicht nur, dass die Autorin das Asperger-Syndrom, worauf ihr hetzerischer Artikel basiert, falsch buchstabiert, sie schreibt weiter, dass Adam Lanzer an einer schizoiden Persönlichkeitsstörung UND dem Asperger-Syndrom litt. Diese beiden Diagnosen schließen sich aus. Meine Wut steigerte sich damit stetig. Mir stellte sich langsam aber sicher die Frage, wie eine Journalistin (ob die Bezeichnung so richtig ist?) einen Artikel veröffentlichen kann, der zum einen faktisch falsch und zum anderen menschlich so unglaublich fragwürdig ist. Okay, mit schlecht recherchierten Artikeln voller Fehler könnte ich leben – die sind gar nicht so selten – wäre da nicht die persönliche Seite:
Noch nie haben ich mich persönlich so angegriffen, diskriminiert und denunziert gefühlt. Allein der Titel ist ein leider weit verbreitetes Klischee: Ich bin nicht blind für die Emotionen anderer, ich nehme sie nur nicht instinktiv und automatisiert war, aber das allein macht mich nicht zu einer potentiellen Massenmörderin. Ich bin Autistin, aber ich habe Gefühle, Werte und Normen. Auch bin ich nicht gefühlskalt, wie es hier dargestellt wird – im Gegenteil: ich bin traurig, ich bin wütend – und ich bin auch nicht vollkommen isoliert. Immerhin sind „wir Autisten“ aufgrund dieser Berichterstattung gemeinsam aufgestanden und setzen uns zur Wehr. Etwas, was nicht sein müsste würden solche Berichte nicht dazu Beitragen den gängigen Klischees mehr Gewicht zu verleihen und schlimmer noch: Ein Bild von Autisten kreieren, was der Gesellschaft Angst macht: Ohne Gefühl, eiskalt, irre, ohne Gewissen.. das sind die Worte die zur Zeit durch die Medien gehen. Nichts davon ist wahr.
An dieser Stelle möchte ich also, wie viele Autisten momentan, zu meinem Autismus stehen und sagen: Nein, ich bin keine Massenmörderin.

Ich möchte als Autistin ein Teil der Gesellschaft sein. Ich möchte mich integrieren und meinen Weg gehen. Dabei muss ich mich jeden Tag gegen Klischees durchsetzen und einen Balanceakt schaffen, der mir tagtäglich alles abverlangt. Ich gebe mir Mühe und investiere Tag für Tag all meine Kraft, um in dieser mir so fremden Welt zu bestehen, wie soll ich mich gegen das Bild des kaltblütigen Killers zur Wehr setzen, wenn die Welt nicht mal bereit ist hinzuhören und zu verstehen, dass ihr Bild von Autismus von Klischees und Fehlschlüssen geprägt ist? Ich verstehe, dass die Menschen nach einer Erklärung für solche so grausamen Taten suchen, aber bitte tut das nicht auf kosten einer Minderheit.

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.. Flieh und Du wirst frei sein und alles kämpfen wird vorbei sein. Ich führ Dich fort aus Raum und Zeit, in eine bessre Wirklichkeit ..

Gestern habe ich gesehen wie ein Mensch starb.
Ich wollte helfen, aber ich konnte nichts mehr tun. Er wollte sterben, er sprang aus freiem Willen.
Ich frage mich, warum er seinen Weg im Tod sah, aber ich verurteile ihn nicht. Eigentlich verstehe ich ihn sogar. Auch wenn ich seinen Weg nicht verherrlichen möchte, so gehört doch eine Menge Mut dazu die Grenze zwischen Leben und Tod bewusst (!) zu überschreiten.
Der Antrieb hinter diesem, so endgültigen, Schritt ist weder Feigheit noch Schwäche noch Egoismus, sondern Verzweiflung. Pure Verzweiflung und für mich persönlich eine ganze Menge Rationalität. Natürlich gibt es (fast) immer einen alternativen Weg oder eine Lösung, aber manchmal bringen diese Wege oder Lösungen nicht die Erleichterung, die man sich wünscht und braucht, um überleben zu wollen. Sie führen nicht immer zurück ins Leben. Selbst wenn man all seine Hoffnung, all seine Kraft und seinen ganzen Mut in diesen Weg investiert, erreicht man nicht zwangsläufig seine Träume. Manchmal – vielleicht auch viel zu oft – sind diese vermeintlichen Lösungen nicht mehr als erlernte Strategien, um die Gedanken und Erinnerungen, die einen innerlich so quälen irgendwie aushalten zu können. Eigentlich viel eher aushalten zu müssen, weil die Gesellschaft das diktiert. Freitod ist immerhin ein Tabu, etwas Verwerfliches. Die Betonung liegt hier also auf „aushalten“. Ich bin nicht sicher, ob den Menschen bewusst ist, wie schwer es ist mit bestimmten Erfahrungen zu leben. Dinge die prägen, traumatisieren und die einen ein Leben lang begleiten werden. Sicher, es gibt eine Menge Therapien, es gibt unzählige Medikamente und es gibt Ärzte, die helfen eine neue Perspektive zu entwickeln und diese vielleicht sogar zu erreichen.
Aber es gibt eben auch Momente, die alles verändern. Momente, in denen man innerlich zerbricht wie Glas. Momente, in denen das Leben still zustehen schein. Momente, die unscheinbar kurz sind, aber die dennoch ausreichen um alles zu verlieren. In diesen Momenten existiert nichts außer diesem einen winzigen Moment. Wenn man wieder Teil der Realität ist, langsam realisiert was geschehen ist, ist nichts mehr wie es war. Das Leben geht weiter (das geht es logischerweise immer), aber dieser eine Moment prägt die Seele eines Menschen für den Rest seines Lebens. Ein Leben, welches ab diesem Moment unerträglich belastet.
Die Erinnerungen, Gedanken, Bilder und Emotionen an solche Momente können so intensiv sein, dass man den Tod nicht nur als realen Ausweg, sondern plötzlich als treuen, vertrauten Begleiter sieht. Aus Verzweiflung, aus Sehnsucht, aus Angst, aber auch aus Rationalität wird der Tod zum Freund.
Man kämpft. Jeden Tag. Über Jahre. Jahre in denen man Kräfte entdeckt, an die man nie geglaubt hätte, ja deren Existenz einen sogar überrascht. Man entdeckt ungeahntes Potential und man versucht mit aller Kraft einen neuen Weg zu finden. Man erreicht Stabilität, verliert sie wieder. Steht auf, fällt. Weint, lacht, hofft und resigniert. Die einzige Konstante, vor allem wenn alles immer wieder zusammenbricht, ist der Tod. Der Tod ist im Grunde das einzige, auf das man sich immer verlassen kann. Er ist beständig. So entsteht eine Interaktion zwischen einer zerbrochenen Seele und dem Tod. Eine tröstliche Interaktion. Geprägt von der Suche und der Sehnsucht nach Frieden, nach Freiheit, nach Geborgenheit. Geprägt durch ein zurückweichen, revidieren, der erneuten Hoffnung, nur um sich dem Tod letztendlich doch wieder hinzugeben.
Vielleicht ist es die Ungewissheit, die den Tod für die Menschen so negativ besetzt. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass die Menschen so sehr an greifbaren, irdischen Dingen festhalten. Ich weiß es nicht, aber ich bin sicher, dass diese Menschen nicht wissen, wie es sich anfühlt ein Leben zu leben in dem die Balance zwischen den wundervollen Momenten, welche das Leben so faszinierend machen auf der einen Seite und den Momenten, die aus der Unbekannten „Tod“ einen so unbeschreiblich tröstenden Begleiter machen auf der anderen Seite, gestört ist und sich nach und nach alle Hoffnung auf den Tod fokussiert. Auf eine unsichtbare Grenze, deren Überschreiten der Seele absolute Freiheit bringt.
Ich habe keine Angst vor dem Tod, auch nicht vor dem Sterben. Ganz im Gegenteil, die Interaktion zwischen ihm und mir gibt mir Hoffnung. Die Hoffnung, dass es irgendwann vorbei ist. Dass er mich begleitet gibt mir genauso viel Kraft, wie die Gewissheit, dass ich jederzeit die Hand ausstrecken und mit ihm gehen kann..

„Mach die Nacht zum Morgen, lass mich befreit sein und geborgen.
Lösch die Erinnrung in mir aus. Gib meiner Seele ein Zuhaus.
Lass die Welt versinken, ich will mit Dir im Nichts ertrinken, mit Dir als Feuer auferstehn
und in der Ewigkeit vergehn.
Ich weinte, ich lachte war mutlos und hoffte neu.
Doch was ich auch machte, mir selbst blieb ich immer treu!
Die Welt sucht vergebens den Sinn meines Lebens denn:
Ich gehör nur mir!“

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.. von Freundschaft, Farb- und Schattenmenschen.

Der Mensch wird im Allgemeinen als soziales Wesen definiert. Mhh.. Wie alles ist im Grunde auch das eine Frage des Standpunktes sowie der Art, wie man „soziales Wesen“ definiert. Sozialpsychologen wie George Mead definieren den Menschen als soziales Wesen, weil er seine Identität und damit auch sein Denken nur innerhalb sozialer Interaktion entwickeln kann. Die Voraussetzung dafür ist laut Mead die Kommunikation. Klingt soweit logisch der Mensch schafft sich seine Sozialität selbst, indem er in einem Kollektiv interagiert.
Fakt ist: Der Mensch kann alleine nicht überleben. Dazu braucht er dieses selbst geschaffene Kollektiv. Aber macht ihn das auch zum sozialen Wesen?
Keine andere Spezies ist so sehr auf ihren eigenen Vorteil bedacht wie der Mensch. Kein anderes Lebewesen tötet aus Spaß, quält Artgenossen und keine andere Spezies findet so vielfältige Wege sich selbst zu zerstören oder zu manipulieren. Liegt der Fehler in der Theorie? Ist der Mensch kein soziales Wesen oder ist der Mensch einfach nur so unglaublich dumm mit aller Kraft ein System, ein Kollektiv zu zerstören und zu manipulieren ohne welches er nicht nur nicht überleben kann, sondern über welches er sich auch noch definiert?

Ich bin kein soziales Wesen. Wieder etwas, was mich anders macht und von der Welt unterscheidet.

Ich sage nicht, dass ich kein soziales Wesen bin weil ich schlecht bin. Das bin ich nicht. Auch nicht, weil ich nicht loyal, gerecht, tolerant, verständnisvoll oder aufrichtig wäre – ganz im Gegenteil, das alles sind Werte, die mir sehr wichtig sind und somit für mich einen hohen Stellenwert haben, aber ich definiere mich nicht über soziale Interaktion. Weil ich sie nicht verstehe. Ich in meiner Glasinnenwelt bin somit kein Teil des Kollektivs im sozialen Sinn.
Die meisten Menschen sind für mich wie Schatten. Sie bestehen aus diversen Grautönen, haben keine erkennbaren Gesichter, sie sind verschwommen – ohne klare Konturen und es fällt mir schwer sie wirklich wahrzunehmen. Wenn sie sprechen verschwimmen ihre Worte zu einer Art Rauschen und ihre Bewegungen, auch die ihrer verwischten Gesichter, wirken fremd. Fast surreal. Sie sind keine Bedrohung. Sie sind einfach da. Wie Schatten.
Für mich ist es unbeschreiblich schwer mich in eine Gesellschaft, ein System oder eine Gruppe von Schattenmenschen zu integrieren. Für die meisten Menschen bedeutet sozialer Austausch, besonders in Gruppen, Spaß und Anschluss. Nicht aber für mich. Für mich bedeutet dieser Austausch Stress und eine ganze Menge Mysterien. Mir fehlt die Fähigkeit zur Deutung von Mimik, ihre Gesten machen für mich keinen Sinn und ihre Gesprächsthemen sind für mich oft so absurd, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass sie es ernst meinen. Die Hürde ein Gespräch zu beginnen, ganz besonders wenn es sich um „Smalltalk“ handelt, bekomme ich nur in den seltensten Fällen hin. Dazu kommen die vielen Geräusche, die vielen visuellen Reize und die Reizgrenze die mein Gehirn veranlasst alle Reize miteinander verschwimmen zu lassen und letztendlich abzuschalten, um mich zu schützen.
Ich habe mich immer nach Ruhe und meiner Welt gesehnt, denn da gibt es keine anderen Menschen. Ich habe mir oft gewünscht, dass man doch einfach akzeptiert und vor allem versteht, dass ich nicht einsam bin, dass ich mich nicht nach Beziehungen sehne und dass ich glücklich bin, wenn ich alleine in einer Ecke auf dem Boden sitzen und lesen kann, wenn ich unter einem Baum liege und das Glitzern der Sonne beobachte oder wenn ich einfach den Wind auf der Haut spüren möchte. Einfach wenn ich allein bin. Allein mit mir.

Mit Freundschaft kann ich nur wenig anfangen. Freundschaft ist für mich eigentlich nichts als ein Wort aus einer Welt die nicht meine ist. Ein für mich sehr komplexes Beziehungskonstrukt, mit Werten, die für mich keine sind und dessen Sinn sich mir kaum erschließt. Ich verstehe nicht, worauf sie basiert, worauf man sie aufbaut, wo es doch weder Wissen noch Informationen sind. Ich habe mich oft gefragt wie sich Freundschaft anfühlt, was sie ausmacht und warum sie für die Menschen so wichtig ist. Wirklich begreifen kann ich sie nicht. Vielleicht ist es diese verschwommene Dimension aus Emotionen, Interessen und dem Wunsch nach sozialen Bindungen sowie nach Nähe die mir so fremd ist? Ich wünsche mir keine Nähe, Berührungen tun mir weh und meine Welt besteht mehr aus Zahlen, Informationen, Rätseln und ganz vielen wundervollen Kleinigkeiten, als aus dem Wunsch nach Bindung. Emotionen sind für mich recht komplex. Ich kann glücklich sein, ich freue mich und ich bin auch traurig, ich hab Angst und ich kann wütend sein. Aber das alles sind Emotionen in mir, bezogen auf mich. Emotionen die in eine Freundschaft gehören sind mir fremd, teilweise erscheinen sie mir sehr komplex. Ich vermisse nicht, ich weiß nicht was Liebe ist, ich weiß daher auch nicht wie es sich anfühlt zu hassen und ich kenne den Wunsch nicht jemandem nahe sein zu wollen. Es ist diese Undefiniertheit, die mich so überfordert. Es gibt keine festgelegte Basis für eine Freundschaft, sie ist nicht zweckgebunden. Nicht rational. Demnach gibt es keine Regeln, keine Grenzen und keine Richtlinien, keine festgelegte Thematik.

Trotzdem gibt es auch für mich Menschen, die mich erreichen. Die mich manchmal sogar faszinieren. Diese Farbmenschen sind bunt, sie sind lebendig und sie sind klar, aber sehr selten. Ich kann weder verstehen noch beeinflussen, wann oder warum mein Kopf einen Menschen als Farb- oder Schattenmenschen kategorisiert, aber ich weiß, dass ich zeitgleich irritiert und fasziniert bin, wenn plötzlich ein Mensch vor mir steht, der so klar und „nah“ ist. Das ist ein ganz intensives Gefühl, tief in mir drin. Kein Gefühl von Liebe oder Zuneigung eher von Faszination und Interesse. Ich höre diese Menschen gern reden und kann ihre „Nähe“ für eine gewisse Zeit genießen, besonders gerne mag ich es, wenn sie mir etwas erklären können oder über Dinge sprechen, die ich sonst nicht verstehe. Manchmal ist es auch bei ihnen so, dass ich nicht reagieren oder sprechen kann, wenn sie um mich rum wirbeln, aber das ist nicht negativ. Ich bin dann nicht aus Überforderung oder Angst blockiert, sondern viel mehr fasziniert. So als ob man alleine am Strand steht und plötzlich ein ganz leichter, weicher Wind einen umgibt. Man schließt die Augen und fühlt einfach nur wie weich sich dieser Wind auf der Haut anfühlt. In diesem Moment nimmt einfach wahr, bewegt sich aber nicht, um diesen so flüchtigen Moment nicht zu zerstören. Die meisten Farbmenschen, die mich umgeben stehen in einer determinierten, funktionalen Relation zu mir. Diese Beziehungen sind klar definiert. Ich weiß worauf sie basieren, ich weiß was von mir erwartet wird und ich kenne die meisten Regeln. Sie setzen sich zusammen aus Informationen, einem Zweck, recht klarer Interaktion und einer gewissen Distanz. Diese Distanz macht die Relation für mich nicht nur klarer, sondern die Interaktion gelenkter und sie gibt mir ein Gefühl von Sicherheit.
Meine Ärztin wird nicht erwarten, dass ich mit ihr Feiern gehe, meine Betreuerin wird nicht erwarten, dass ich sie liebe und meine Vertrauenslehrerin wird nicht erwarten, dass ich mit ihr über Smalltalk-Themen rede. Die Beziehungen sind klar definiert: Gesundheit, Alltag, Wissen.
In diesen Grenzen kann auch ich eine Beziehung aufbauen, ja ich kann diese Menschen sogar auf meine Art gern haben.
Trotzdem bleibe ich lieber in meiner Glasinnenwelt. Sie ist voller Klarheit. Voller Zahlen, Fakten, voller Information und Wissen. Mit klaren, logischen Regeln. Sie funktioniert ohne Mimik, ohne Gestik, ohne Dinge, die man nicht ausspricht und ohne Dimensionen, die ich nicht wahrnehmen kann.

In meiner Welt bin ich ein soziales Wesen und bin es doch nicht. Aber das muss ich auch nicht. Dort bin ich frei.

 

.. gefangen zwischen Raum und Zeit. Oder: Was macht mich so anders?

Schon als Kind war ich irgendwie .. anders. Ich sprach sehr früh und beschäftigte mich die meiste Zeit allein mit mir und den (für mich) faszinierenden Dingen dieser Welt. Unnahbar und verträumt nannte meine Familie das, was für mich ein Zustand aus Faszination und innerer Ruhe bedeutete. Ich war aktiv, wissbegierig und introvertiert. Ich war viel draußen, lag dort stundenlang unter einem Baum, um das Glitzern der Sonne durch die Blätter zu beobachten oder saß stundenlang an einem Bach, um dem Wasser zuzuschauen. Ich liebte es meine Knöpfe zu sortieren oder Seifenblasen zu beobachten. Ich interessierte mich für die Sterne und für die Gesetze der Natur. „Wie viel wiegt eine Wolke?“, „Wie weit ist der Mond entfernt?“, „Wie lange braucht meine Stimme bis zur Sonne?“ Das waren die Dinge, die meine kleine Kinderseele beschäftigten. Ich war schon als kleines Kind sehr gerechtigkeitsliebend und ein kleiner Freigeist. Ich wollte schon als Kind frei sein.

Als ich in den Kindergarten kam musste ich schnell feststellen, dass weder die anderen Kinder meine Interessen teilten noch die Erzieherinnen Antworten auf meine Fragen hatten. Schon als dreijährige versank ich in einem Alltag, der mich zugleich massiv überforderte wie auch langweilte. Ich verstand die anderen Kinder nicht und sie verstanden mich nicht. Ich konnte mit ihnen einfach nichts anfangen. Kein Problem, in meine Welt passten sowieso keine Menschen. Ich lernte mich anzupassen, nur um meine Welt zu schützen.

Je älter ich wurde, je offensichtlicher wurde, dass mit mir etwas nicht stimmte. Da ich mich nicht integrieren konnte und es auch meist nicht wollte, wurde ich eben von den Erwachsenen integriert. Sie schickten mich zu Kindergeburtstagen, in Vereine in denen auch meine Klassenkameraden angemeldet waren und sie verabredeten mich mit anderen Kindern. Ich war kein Kind zum knuddeln und anfassen, ich hasste Berührungen und ich konnte nicht verarbeiten, wenn jemand meine Ordnung durcheinander brachte. Ich glaube in diesem Alter wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich so wie ich war nicht sein durfte und dass in mir ein Fehler stecken musste. Ich merkte immer deutlicher, dass ich die Menschen um mich rum falsch verstand und auch sie mein Verhalten grundlegend missverstanden. Wo genau das Problem lag war mir damals allerdings noch nicht klar. Ich wurde als „anders“ bezeichnet, als „sonderbar“, gleichzeitig war ich aber nicht dumm. Und genau das war ein großes Problem. Auch den Lehrern war klar, dass ich alles andere als dumm war, also musste mein Verhalten reine Provokation sein. Dass ich einfach nicht verstand, was für andere Menschen doch so klar ist war weder mir noch meinem Umfeld bewusst. Dieses Denken machte die Schule für mich zur Hölle. Nicht nur wegen der alltäglichen Missverständnisse, sondern weil ich plötzlich entdeckte, dass mir das Verhalten der Menschen untereinander nicht nur fremd, sondern fast irreal vorkam. Sie verstanden sich ohne zu sprechen, sie sahen sich an und konnten vorhersagen, wie ihr Gegenüber reagieren würde, sie liebten und sie bildeten Freundschaften. Diese Art der Beziehung erschloss sich mir nicht. Ich verstand nicht, worauf diese Beziehungen basierten. Klar war, dass sie nicht auf Wissen und auf Informationen beruhten. Das machte sie für mich automatisch uninteressant, völlig absurd und vor allem unberechenbar.

Ich lernte in dieser Zeit, dass ich mich anzupassen hatte und dass ich meine Innenwelt nur schützen konnte, wenn ich in Ruhe gelassen wurde. Das wurde ich aber nur, wenn ich war wie die anderen. Ein unheimlich belastender Kreislauf. Ich versuchte ihr Verhalten zu imitieren, machte aber alles nur schlimmer, weil ich die verschiedenen Ebenen und ihre Feinheiten nicht erkannte. Ich erkannte die Mimik meines Gegenübers nicht und scheiterte mit meinen so mühsam auswendig gelernten „Interaktionsformeln“  an der Gegenseitigkeit, die soziale Interaktion ausmacht und die ich nicht verstand. Sobald sich mein Gegenüber also nicht mehr an meine auswendig gelernten Formeln hielt, brach meine Fassade ein. Ich verstand nicht, dass die Menschen Fragen stellten, obwohl sie die Antworten gar nicht interessierten, ich erkannte Ironie nicht also solche und ich bekam die Balance zwischen gewünschter Ehrlichkeit und Höflichkeit nicht hin. Ich wurde als frech, respektlos und provokativ bezeichnet, als Klugscheißer und als Freak. So wurden schnell soziale Interaktionen – sofern sie nicht auf reinen Informationen, auf Fachwissen aufbauten – zum „Spießroutenlauf“, bei dem ich grundsätzlich auf verlorenem Posten kämpfte. Irgendwann gab ich auf und ergab mich in die Rolle, die die Lehrer mir fälschlicherweise zuschrieben. Es war so unglaublich anstrengend mich außerhalb meiner Welt zu bewegen, es kostete so unglaublich viel Kraft und wurde ja doch nie belohnt.
Irgendwann begann ich meine Umwelt und die Menschen darin zu analysieren und zu hinterfragen. Ich lernte ihnen zu zeigen, was sie sehen wollten. Ich lernte erneut auswendig: Lächeln, Hand schütteln, nachfragen, jetzt ein „Wie geht’s?“, jetzt einen schönen Tag wünschen.. Das alles lernte ich auswendig und rufe es noch heute bei jeder Begegnung aktiv ab. Ich dachte immer, dass es leichter wird wenn ich mal erwachsen bin, aber auch das war ein großer Irrtum. Im Gegenteil es wurde mit jedem Schritt Richtung Erwachsensein schwerer und verwirrender. Die Anforderungen wurden höher, die Erwartungen immer unerfüllbarer und mein Bewusstsein für meine „Andersartigkeit“ ausgeprägter. Ich beschäftigte mich mit dem menschlichen Verhalten, ganz besonders bezogen auf die soziale Interaktion. Ich reflektierte mich selbst und analysierte die anderen. Ich lernte, dass die Menschen Mimik deuten können, dass Blickkontakt für sie Informationen bedeuten, dass sie nur selten das meinen was sie sagen und noch seltener das sagen, was sie meinen. Ich lernte, dass sie Absichten in anderen Menschen erkennen können, dass sie die Fähigkeit haben Reize zu filtern und ich lernte, dass das Miteinander, was sie so hoch bewerten für sie etwas Intuitives ist. Ich lernte, dass meine Werte in ihrer Welt nicht zählten. Ich begann zu begreifen wie groß und wie unüberwindbar die Diskrepanz zwischen meiner Welt und der ihren ist und ich begriff, dass ich niemals so sein werde wie sie. Umso mehr ich verstand, was mich so anders machte und mich von der Welt trenne, umso größer und beklemmender wurde meine Verzweiflung.

Ich bin in meiner Glasinnenwelt gefangen. Mit mir allein. Ich kann die Hand ausstrecken, aber alles, was ich erreichen kann sind die gläsernen Grenzen meiner selbst. In einem Zustand ohne Raum und ohne Zeit. Ich bin Autistin.