.. von Freundschaft, Farb- und Schattenmenschen.

Der Mensch wird im Allgemeinen als soziales Wesen definiert. Mhh.. Wie alles ist im Grunde auch das eine Frage des Standpunktes sowie der Art, wie man „soziales Wesen“ definiert. Sozialpsychologen wie George Mead definieren den Menschen als soziales Wesen, weil er seine Identität und damit auch sein Denken nur innerhalb sozialer Interaktion entwickeln kann. Die Voraussetzung dafür ist laut Mead die Kommunikation. Klingt soweit logisch der Mensch schafft sich seine Sozialität selbst, indem er in einem Kollektiv interagiert.
Fakt ist: Der Mensch kann alleine nicht überleben. Dazu braucht er dieses selbst geschaffene Kollektiv. Aber macht ihn das auch zum sozialen Wesen?
Keine andere Spezies ist so sehr auf ihren eigenen Vorteil bedacht wie der Mensch. Kein anderes Lebewesen tötet aus Spaß, quält Artgenossen und keine andere Spezies findet so vielfältige Wege sich selbst zu zerstören oder zu manipulieren. Liegt der Fehler in der Theorie? Ist der Mensch kein soziales Wesen oder ist der Mensch einfach nur so unglaublich dumm mit aller Kraft ein System, ein Kollektiv zu zerstören und zu manipulieren ohne welches er nicht nur nicht überleben kann, sondern über welches er sich auch noch definiert?

Ich bin kein soziales Wesen. Wieder etwas, was mich anders macht und von der Welt unterscheidet.

Ich sage nicht, dass ich kein soziales Wesen bin weil ich schlecht bin. Das bin ich nicht. Auch nicht, weil ich nicht loyal, gerecht, tolerant, verständnisvoll oder aufrichtig wäre – ganz im Gegenteil, das alles sind Werte, die mir sehr wichtig sind und somit für mich einen hohen Stellenwert haben, aber ich definiere mich nicht über soziale Interaktion. Weil ich sie nicht verstehe. Ich in meiner Glasinnenwelt bin somit kein Teil des Kollektivs im sozialen Sinn.
Die meisten Menschen sind für mich wie Schatten. Sie bestehen aus diversen Grautönen, haben keine erkennbaren Gesichter, sie sind verschwommen – ohne klare Konturen und es fällt mir schwer sie wirklich wahrzunehmen. Wenn sie sprechen verschwimmen ihre Worte zu einer Art Rauschen und ihre Bewegungen, auch die ihrer verwischten Gesichter, wirken fremd. Fast surreal. Sie sind keine Bedrohung. Sie sind einfach da. Wie Schatten.
Für mich ist es unbeschreiblich schwer mich in eine Gesellschaft, ein System oder eine Gruppe von Schattenmenschen zu integrieren. Für die meisten Menschen bedeutet sozialer Austausch, besonders in Gruppen, Spaß und Anschluss. Nicht aber für mich. Für mich bedeutet dieser Austausch Stress und eine ganze Menge Mysterien. Mir fehlt die Fähigkeit zur Deutung von Mimik, ihre Gesten machen für mich keinen Sinn und ihre Gesprächsthemen sind für mich oft so absurd, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass sie es ernst meinen. Die Hürde ein Gespräch zu beginnen, ganz besonders wenn es sich um „Smalltalk“ handelt, bekomme ich nur in den seltensten Fällen hin. Dazu kommen die vielen Geräusche, die vielen visuellen Reize und die Reizgrenze die mein Gehirn veranlasst alle Reize miteinander verschwimmen zu lassen und letztendlich abzuschalten, um mich zu schützen.
Ich habe mich immer nach Ruhe und meiner Welt gesehnt, denn da gibt es keine anderen Menschen. Ich habe mir oft gewünscht, dass man doch einfach akzeptiert und vor allem versteht, dass ich nicht einsam bin, dass ich mich nicht nach Beziehungen sehne und dass ich glücklich bin, wenn ich alleine in einer Ecke auf dem Boden sitzen und lesen kann, wenn ich unter einem Baum liege und das Glitzern der Sonne beobachte oder wenn ich einfach den Wind auf der Haut spüren möchte. Einfach wenn ich allein bin. Allein mit mir.

Mit Freundschaft kann ich nur wenig anfangen. Freundschaft ist für mich eigentlich nichts als ein Wort aus einer Welt die nicht meine ist. Ein für mich sehr komplexes Beziehungskonstrukt, mit Werten, die für mich keine sind und dessen Sinn sich mir kaum erschließt. Ich verstehe nicht, worauf sie basiert, worauf man sie aufbaut, wo es doch weder Wissen noch Informationen sind. Ich habe mich oft gefragt wie sich Freundschaft anfühlt, was sie ausmacht und warum sie für die Menschen so wichtig ist. Wirklich begreifen kann ich sie nicht. Vielleicht ist es diese verschwommene Dimension aus Emotionen, Interessen und dem Wunsch nach sozialen Bindungen sowie nach Nähe die mir so fremd ist? Ich wünsche mir keine Nähe, Berührungen tun mir weh und meine Welt besteht mehr aus Zahlen, Informationen, Rätseln und ganz vielen wundervollen Kleinigkeiten, als aus dem Wunsch nach Bindung. Emotionen sind für mich recht komplex. Ich kann glücklich sein, ich freue mich und ich bin auch traurig, ich hab Angst und ich kann wütend sein. Aber das alles sind Emotionen in mir, bezogen auf mich. Emotionen die in eine Freundschaft gehören sind mir fremd, teilweise erscheinen sie mir sehr komplex. Ich vermisse nicht, ich weiß nicht was Liebe ist, ich weiß daher auch nicht wie es sich anfühlt zu hassen und ich kenne den Wunsch nicht jemandem nahe sein zu wollen. Es ist diese Undefiniertheit, die mich so überfordert. Es gibt keine festgelegte Basis für eine Freundschaft, sie ist nicht zweckgebunden. Nicht rational. Demnach gibt es keine Regeln, keine Grenzen und keine Richtlinien, keine festgelegte Thematik.

Trotzdem gibt es auch für mich Menschen, die mich erreichen. Die mich manchmal sogar faszinieren. Diese Farbmenschen sind bunt, sie sind lebendig und sie sind klar, aber sehr selten. Ich kann weder verstehen noch beeinflussen, wann oder warum mein Kopf einen Menschen als Farb- oder Schattenmenschen kategorisiert, aber ich weiß, dass ich zeitgleich irritiert und fasziniert bin, wenn plötzlich ein Mensch vor mir steht, der so klar und „nah“ ist. Das ist ein ganz intensives Gefühl, tief in mir drin. Kein Gefühl von Liebe oder Zuneigung eher von Faszination und Interesse. Ich höre diese Menschen gern reden und kann ihre „Nähe“ für eine gewisse Zeit genießen, besonders gerne mag ich es, wenn sie mir etwas erklären können oder über Dinge sprechen, die ich sonst nicht verstehe. Manchmal ist es auch bei ihnen so, dass ich nicht reagieren oder sprechen kann, wenn sie um mich rum wirbeln, aber das ist nicht negativ. Ich bin dann nicht aus Überforderung oder Angst blockiert, sondern viel mehr fasziniert. So als ob man alleine am Strand steht und plötzlich ein ganz leichter, weicher Wind einen umgibt. Man schließt die Augen und fühlt einfach nur wie weich sich dieser Wind auf der Haut anfühlt. In diesem Moment nimmt einfach wahr, bewegt sich aber nicht, um diesen so flüchtigen Moment nicht zu zerstören. Die meisten Farbmenschen, die mich umgeben stehen in einer determinierten, funktionalen Relation zu mir. Diese Beziehungen sind klar definiert. Ich weiß worauf sie basieren, ich weiß was von mir erwartet wird und ich kenne die meisten Regeln. Sie setzen sich zusammen aus Informationen, einem Zweck, recht klarer Interaktion und einer gewissen Distanz. Diese Distanz macht die Relation für mich nicht nur klarer, sondern die Interaktion gelenkter und sie gibt mir ein Gefühl von Sicherheit.
Meine Ärztin wird nicht erwarten, dass ich mit ihr Feiern gehe, meine Betreuerin wird nicht erwarten, dass ich sie liebe und meine Vertrauenslehrerin wird nicht erwarten, dass ich mit ihr über Smalltalk-Themen rede. Die Beziehungen sind klar definiert: Gesundheit, Alltag, Wissen.
In diesen Grenzen kann auch ich eine Beziehung aufbauen, ja ich kann diese Menschen sogar auf meine Art gern haben.
Trotzdem bleibe ich lieber in meiner Glasinnenwelt. Sie ist voller Klarheit. Voller Zahlen, Fakten, voller Information und Wissen. Mit klaren, logischen Regeln. Sie funktioniert ohne Mimik, ohne Gestik, ohne Dinge, die man nicht ausspricht und ohne Dimensionen, die ich nicht wahrnehmen kann.

In meiner Welt bin ich ein soziales Wesen und bin es doch nicht. Aber das muss ich auch nicht. Dort bin ich frei.