Ich bin nicht kaltblütig, eiskalt oder irre: Ich bin Autistin.

Ich habe lange überlegt, ob auch ich mich hier zu der Medienberichterstattung der letzten Tage über den Amoklauf, insbesondere in Zusammenhang mit Autismus öffentlich auseinandersetzen soll oder ob es mir persönlich ausreicht mit anderen Betroffenen zu schreiben..
Der Amoklauf in den USA durch Adam Lanza hat mich sehr erschreckt. Nicht nur, dass 27 Menschen starben, nein es waren auch noch kleine unschuldige, vor allem aber wehrlose kleine Kinder. Ich frage mich einmal mehr was in einem solchen Menschen vorgehen mag, wie niedrig seine Hemmschwelle sein muss, um eine so kaltblütige schreckliche Tat begehen zu können. Was mag er erlebt haben, dass ihn so handeln lies?
Plötzlich wurde ich auf einen Artikel des Spiegel Online mit dem Titel „Asperger-Syndrom: Blind für die Emotionen anderer“ hingewiesen, indem ich ganz besonders über folgenden Wortlaut stolperte:

„Auf der quälenden Suche nach Antworten erhält man einzelne Puzzleteilchen, die sich nur langsam zu einem Bild von Adam Lanza zusammenfügen – dieses Bild bleibt bislang aber unscharf. Eines dieser Puzzleteile ist das über den psychischen Zustand des Täters. Dabei fällt immer wieder ein medizinischer Begriff: Asperger-Syndrom […]“

und einige Abschnitte später:

„Sollte Adam Lanza tatsächlich an einer Form von Autismus gelitten haben, ist das noch lange keine Erklärung für seine grausamen Taten. Gleichwohl gab es bereits Amokläufer, bei denen auch Asberger-Autismus diagnostiziert worden war. Frederik B., der Vierfachmörder von Eislingen, leidet laut psychiatrischem Gutachten an einer schizoiden Persönlichkeitsstörung und hat Asperger-Syndrom. Der vierfache Frauenmörder und Serienvergewaltiger Heinrich Pommerenke, der bis zu seinem Tod 2008 als einer der schlimmsten Verbrecher der Republik galt, war einem Psychiater zufolge Asperger-Autist. Ein Arzt diagnostizierte auch beim rassistischen Heckenschützen von Malmö das Asperger-Syndrom.[…]“

Ein heftiger Schlag ins Gesicht. Ich saß zunächst da und ordnete meine Gedanken. Dann las ich den Artikel erneut. Meine Sprachlosigkeit wandelte sich in Wut und das Gefühl Stellung beziehen, mich verteidigen zu müssen. Ich las den Artikel erneut. Der Artikel ist schlecht. Nicht nur, dass die Autorin das Asperger-Syndrom, worauf ihr hetzerischer Artikel basiert, falsch buchstabiert, sie schreibt weiter, dass Adam Lanzer an einer schizoiden Persönlichkeitsstörung UND dem Asperger-Syndrom litt. Diese beiden Diagnosen schließen sich aus. Meine Wut steigerte sich damit stetig. Mir stellte sich langsam aber sicher die Frage, wie eine Journalistin (ob die Bezeichnung so richtig ist?) einen Artikel veröffentlichen kann, der zum einen faktisch falsch und zum anderen menschlich so unglaublich fragwürdig ist. Okay, mit schlecht recherchierten Artikeln voller Fehler könnte ich leben – die sind gar nicht so selten – wäre da nicht die persönliche Seite:
Noch nie haben ich mich persönlich so angegriffen, diskriminiert und denunziert gefühlt. Allein der Titel ist ein leider weit verbreitetes Klischee: Ich bin nicht blind für die Emotionen anderer, ich nehme sie nur nicht instinktiv und automatisiert war, aber das allein macht mich nicht zu einer potentiellen Massenmörderin. Ich bin Autistin, aber ich habe Gefühle, Werte und Normen. Auch bin ich nicht gefühlskalt, wie es hier dargestellt wird – im Gegenteil: ich bin traurig, ich bin wütend – und ich bin auch nicht vollkommen isoliert. Immerhin sind „wir Autisten“ aufgrund dieser Berichterstattung gemeinsam aufgestanden und setzen uns zur Wehr. Etwas, was nicht sein müsste würden solche Berichte nicht dazu Beitragen den gängigen Klischees mehr Gewicht zu verleihen und schlimmer noch: Ein Bild von Autisten kreieren, was der Gesellschaft Angst macht: Ohne Gefühl, eiskalt, irre, ohne Gewissen.. das sind die Worte die zur Zeit durch die Medien gehen. Nichts davon ist wahr.
An dieser Stelle möchte ich also, wie viele Autisten momentan, zu meinem Autismus stehen und sagen: Nein, ich bin keine Massenmörderin.

Ich möchte als Autistin ein Teil der Gesellschaft sein. Ich möchte mich integrieren und meinen Weg gehen. Dabei muss ich mich jeden Tag gegen Klischees durchsetzen und einen Balanceakt schaffen, der mir tagtäglich alles abverlangt. Ich gebe mir Mühe und investiere Tag für Tag all meine Kraft, um in dieser mir so fremden Welt zu bestehen, wie soll ich mich gegen das Bild des kaltblütigen Killers zur Wehr setzen, wenn die Welt nicht mal bereit ist hinzuhören und zu verstehen, dass ihr Bild von Autismus von Klischees und Fehlschlüssen geprägt ist? Ich verstehe, dass die Menschen nach einer Erklärung für solche so grausamen Taten suchen, aber bitte tut das nicht auf kosten einer Minderheit.