.. Flieh und Du wirst frei sein und alles kämpfen wird vorbei sein. Ich führ Dich fort aus Raum und Zeit, in eine bessre Wirklichkeit ..

Gestern habe ich gesehen wie ein Mensch starb.
Ich wollte helfen, aber ich konnte nichts mehr tun. Er wollte sterben, er sprang aus freiem Willen.
Ich frage mich, warum er seinen Weg im Tod sah, aber ich verurteile ihn nicht. Eigentlich verstehe ich ihn sogar. Auch wenn ich seinen Weg nicht verherrlichen möchte, so gehört doch eine Menge Mut dazu die Grenze zwischen Leben und Tod bewusst (!) zu überschreiten.
Der Antrieb hinter diesem, so endgültigen, Schritt ist weder Feigheit noch Schwäche noch Egoismus, sondern Verzweiflung. Pure Verzweiflung und für mich persönlich eine ganze Menge Rationalität. Natürlich gibt es (fast) immer einen alternativen Weg oder eine Lösung, aber manchmal bringen diese Wege oder Lösungen nicht die Erleichterung, die man sich wünscht und braucht, um überleben zu wollen. Sie führen nicht immer zurück ins Leben. Selbst wenn man all seine Hoffnung, all seine Kraft und seinen ganzen Mut in diesen Weg investiert, erreicht man nicht zwangsläufig seine Träume. Manchmal – vielleicht auch viel zu oft – sind diese vermeintlichen Lösungen nicht mehr als erlernte Strategien, um die Gedanken und Erinnerungen, die einen innerlich so quälen irgendwie aushalten zu können. Eigentlich viel eher aushalten zu müssen, weil die Gesellschaft das diktiert. Freitod ist immerhin ein Tabu, etwas Verwerfliches. Die Betonung liegt hier also auf „aushalten“. Ich bin nicht sicher, ob den Menschen bewusst ist, wie schwer es ist mit bestimmten Erfahrungen zu leben. Dinge die prägen, traumatisieren und die einen ein Leben lang begleiten werden. Sicher, es gibt eine Menge Therapien, es gibt unzählige Medikamente und es gibt Ärzte, die helfen eine neue Perspektive zu entwickeln und diese vielleicht sogar zu erreichen.
Aber es gibt eben auch Momente, die alles verändern. Momente, in denen man innerlich zerbricht wie Glas. Momente, in denen das Leben still zustehen schein. Momente, die unscheinbar kurz sind, aber die dennoch ausreichen um alles zu verlieren. In diesen Momenten existiert nichts außer diesem einen winzigen Moment. Wenn man wieder Teil der Realität ist, langsam realisiert was geschehen ist, ist nichts mehr wie es war. Das Leben geht weiter (das geht es logischerweise immer), aber dieser eine Moment prägt die Seele eines Menschen für den Rest seines Lebens. Ein Leben, welches ab diesem Moment unerträglich belastet.
Die Erinnerungen, Gedanken, Bilder und Emotionen an solche Momente können so intensiv sein, dass man den Tod nicht nur als realen Ausweg, sondern plötzlich als treuen, vertrauten Begleiter sieht. Aus Verzweiflung, aus Sehnsucht, aus Angst, aber auch aus Rationalität wird der Tod zum Freund.
Man kämpft. Jeden Tag. Über Jahre. Jahre in denen man Kräfte entdeckt, an die man nie geglaubt hätte, ja deren Existenz einen sogar überrascht. Man entdeckt ungeahntes Potential und man versucht mit aller Kraft einen neuen Weg zu finden. Man erreicht Stabilität, verliert sie wieder. Steht auf, fällt. Weint, lacht, hofft und resigniert. Die einzige Konstante, vor allem wenn alles immer wieder zusammenbricht, ist der Tod. Der Tod ist im Grunde das einzige, auf das man sich immer verlassen kann. Er ist beständig. So entsteht eine Interaktion zwischen einer zerbrochenen Seele und dem Tod. Eine tröstliche Interaktion. Geprägt von der Suche und der Sehnsucht nach Frieden, nach Freiheit, nach Geborgenheit. Geprägt durch ein zurückweichen, revidieren, der erneuten Hoffnung, nur um sich dem Tod letztendlich doch wieder hinzugeben.
Vielleicht ist es die Ungewissheit, die den Tod für die Menschen so negativ besetzt. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass die Menschen so sehr an greifbaren, irdischen Dingen festhalten. Ich weiß es nicht, aber ich bin sicher, dass diese Menschen nicht wissen, wie es sich anfühlt ein Leben zu leben in dem die Balance zwischen den wundervollen Momenten, welche das Leben so faszinierend machen auf der einen Seite und den Momenten, die aus der Unbekannten „Tod“ einen so unbeschreiblich tröstenden Begleiter machen auf der anderen Seite, gestört ist und sich nach und nach alle Hoffnung auf den Tod fokussiert. Auf eine unsichtbare Grenze, deren Überschreiten der Seele absolute Freiheit bringt.
Ich habe keine Angst vor dem Tod, auch nicht vor dem Sterben. Ganz im Gegenteil, die Interaktion zwischen ihm und mir gibt mir Hoffnung. Die Hoffnung, dass es irgendwann vorbei ist. Dass er mich begleitet gibt mir genauso viel Kraft, wie die Gewissheit, dass ich jederzeit die Hand ausstrecken und mit ihm gehen kann..

„Mach die Nacht zum Morgen, lass mich befreit sein und geborgen.
Lösch die Erinnrung in mir aus. Gib meiner Seele ein Zuhaus.
Lass die Welt versinken, ich will mit Dir im Nichts ertrinken, mit Dir als Feuer auferstehn
und in der Ewigkeit vergehn.
Ich weinte, ich lachte war mutlos und hoffte neu.
Doch was ich auch machte, mir selbst blieb ich immer treu!
Die Welt sucht vergebens den Sinn meines Lebens denn:
Ich gehör nur mir!“

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